Solidarische Praktiken der Gesundheitsprävention

Am Beispiel der organisation von Mieter*innenversammlungen der poliklinik auf der veddel wird der entwurf solidarischer Gesundheitspraxis untersucht.

Von Fanny Seewald

Fitter, schöner, besser… und dann?

„Stress bewältigen und gesünder leben“1, „Supergesund mit Superfoods: Die 10 wichtigsten Lebensmittel, um körperlich und geistig fit und gesund zu bleiben“2, „Endlich Nicht Raucher: Keine Macht der Sucht“3 – ein Blick auf die Ratgebertitel in der Buchhandlung zeigt: Verhaltensempfehlungen zur Förderung der eigenen Gesundheit sind zahlreich und allgegenwärtig. Jene Aufforderungen zur gesundheitlichen Verhaltensoptimierung deuten auf eine Verantwortungsverschiebung innerhalb der Gesundheitsvorsorge hin. Im Zuge der liberalen Wende des Präventionsdiskurses und der sich verfestigenden individuumszentrierten Sicht auf Gesundheit werden soziale Verhältnisse und Faktoren von Gesundheit zu Gunsten der Eigenverantwortung ausgeklammert.4 Die Entwicklung manifestiert sich in einem individualisierten Gesundheitsverhalten, das in den zahlreichen Ratgebern zur Selbstoptimierung, Trainings- und Selbstvermessungs-Apps, bis hin zur Empfehlung der Hausärztin, dass mit dem Rauchen aufgehört werden sollte, zum Ausdruck kommt.


Sticker der Poliklinik zu den sozialen Determinanten von Gesundheit
Sticker: © Poliklinik Veddel
Bildquelle: © Fanny Seewald

Doch das Kollektiv der Poliklinik, Stadtteilgesundheitszentrum auf der Veddel in Hamburg, ist sich sicher: Hohe Mieten, Diskriminierungserfahrungen oder Stress auf der Arbeit machen krank und lassen sich nicht durch Sport oder gesunde Ernährung beeinflussen. Gesundheitliche Ungleichheit sei auf ihre gesellschaftlichen Faktoren zurückzuführen. Dieser Ungerechtigkeit könne durch das Aufheben der Vereinzelung von Individuen und ihren krankmachenden Lebenslagen begegnet werden.5

Gegen Ungerechtigkeit kann man nur gemeinsam etwas ausrichten. Die Poliklinik Veddel ist ein Ort des Gemeinsamen.6

Vor dem Hintergrund des Gesundheitskonzepts der Poliklinik und der Kritik an der individuumszentrierten Gesundheitsprävention untersuche ich den Entwurf entindividualisierter Gesundheitspraxis. Am Beispiel von Veddeler Mieter*innenversammlungen gehe ich der Frage nach, wie die Poliklinik Gruppe die Kollektivierung gesundheitlicher Problemlagen organisiert. Weiter wird analysiert, inwiefern der Zusammenschluss der Mieter*innen7 als solidarische und emanzipative Praxis von gesundheitlicher Ungleichheit entworfen wird.


zwischen subjektivierung, Kollektivität und Solidarität

Über die Subjektivierung des Gesundheitsverhaltens

In den Sozial- und Geisteswissenschaften wird der Trend der Subjektivierung von Gesundheitsverhalten in Wechselwirkung mit anderen gesellschaftlichen und kulturellen Individualisierungsprozessen gestellt. Als Folge dieser Entwicklungen habe sich im Laufe des 20. Jahrhunderts bis heute ein Präventionsgedanke herausgebildet, der das Konzept des Individuums im Präventionsdiskurs als körperlich wie geistig autonom in der Form des präventiven Selbst verfestigt – ein rationales Subjekt, das sein Verhalten zu einem hohen Maß auf Basis medizinischer und gesundheitlicher Informationen selbst diszipliniert.8 In der kulturanthropologischen Forschung findet sich der Subjektivierungsdiskurs unter anderem in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Diskursen und Praktiken der Selbstdisziplinierung und Selbstvermessung wieder.9

Zur Analyse des Gegenentwurfs individualisierter Gesundheitspraxis werde ich die aus dem Forschungsfeld aufgegriffenen Ansätze der Kollektivität und Solidarität theoretisieren.


Über kollektivität

Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Individualisierung und Differenzierungsprozesse wird innerhalb des gegenwärtigen wissenschaftlichen Kollektivitätsdiskurs diskutiert, die traditionellen Erkenntnisse zur menschlichen Kollektivität aufzubrechen und durch ein offenes Verständnis von sozialen Bindungsformen zu erweitern. Anstelle von tradierten sozialen Gruppen, wie zum Beispiel der Nation, der Familie, Freundschaften oder der Ehe, treten menschliche Bindungsformen in den Fokus kulturwissenschaftlicher Forschung, die durch Kurzlebigkeit und Heterogenität gekennzeichnet sind.10

Klaus P. Hansen nennt in seinem Basiswerk der kulturwissenschaftliche Kollektivforschung „Kultur, Kollektiv, Nation“ die steigende gesellschaftliche Komplexität als Ausgangspunkt, um das konstitutive Verhältnis von Kulturträgern und Kollektivität neu zu untersuchen.11 Die soziale Differenzierung und der parallele Abbau vertikaler Hierarchien schaffe die Voraussetzung für die Entwicklung selbstbestimmter Kollektivformen.12 Mit dem Prozess der Individualisierung werde außerdem die Bedeutungsabnahme und Distanzierung von tradierten sozialen Gruppen beschrieben.13 Nach Hansen konstituiert sich ein Kollektiv „durch die partielle Gemeinsamkeit der ihm zugerechneten Individuen14. Jenseits von Nationalstaatlichkeit oder ethnischer Zugehörigkeit als traditionelle Bezugspunkte von Kollektivität in den Kulturwissenschaften, erweitert die Definition den Kollektivgedanken um vielfältige, temporäre und selbstbestimmte Konstitutionsfaktoren. Demnach kann eine Kollektivform beispielsweise auf ein gemeinsames Hobby oder ein kurzfristiges Zusammentreffen auf einer Demonstration zurückzuführen sein.15

In Abgrenzung zur Soziologie, betont die kulturwissenschaftliche Forschung nicht das Kollektiv als Ganzes, sondern die Verbindung von Individuum und Kollektiv. Der Blick richtet sich auf die alltäglichen kulturellen Praktiken der Individuen, die Sozialität und Kollektivität (re-)produzieren.16 Die dadurch fokussierte Mikroebene, in der das kollektive Miteinander als soziale Praxis verstanden wird, betont das interaktive Handeln der Akteur*innen als Untersuchungsgegenstand.17


über Solidarität

Solidarität „umschreibt den in einem Kollektiv herrschenden Zusammenhalt, der meistens in einem Zusammengehörigkeitsgefühl gründet18

Es ist unklar, was mit Solidarität genau gemeint ist. Trotz seiner unterschiedlichen Assoziationen erfreut sich der Begriff der Solidarität in gegenwärtigen akademischen, politischen und alltäglichen Diskursen einer Beliebtheit und stellt einen Bezugspunkt für unterschiedliche soziale Gruppen dar.19 Für die einen versteckt sich dahinter ein politischer Gegenbegriff zum Egoismus neoliberaler Gesellschaften, für andere ist es eine begriffliche Alternative zu Gemeinschaft oder Hilfsbereitschaft. Wieder andere verstehen unter Solidarität hingegen keinen Moralbegriff von auf sozialer Nähe konstituierten Gruppen, sondern ein egalitär-reziprokes Konzept, zur kollektiven Durchsetzung individueller Interessen.20

Je nach theoretischer Perspektive bezieht sich der Begriff der Solidarität auf die soziale oder moralische Beziehung zwischen Individuen.21 Die vorherrschende soziologische Bedeutungsebene von Solidarität als analytisch-deskriptive Kategorie dient zur Beschreibung sozialer Ordnung und des funktionalen Zusammenhalts der Gesellschaft, insbesondere in differenzierten Gesellschaften.22 In Abgrenzung zur dominierenden soziologischen Perspektive auf den „kollektiven Höhepunkt, die Gesellschaft23, bilden sich zunehmend theoretische Konzepte heraus, die das Verständnis der sozialen Basis von Solidarität öffnen. Der Soziologe H. Thome bezieht sich in seinem Solidaritätskonzept auf die Ebene des solidarischen Handelns und stellt die Praktiken der Individuen als solidaritätsbildend in den Fokus.24 Thome konzeptualisiert ein Handeln als solidarisch, „das bestimmte Formen des helfenden, unterstützenden, kooperativen Verhaltens beinhaltet und auf einer subjektiv akzeptierten Verpflichtung oder einem Wertideal beruht25. Ausgehend von der Offenheit dieser Definition ist die konstitutive soziale Bindung solidarischen Handelns an keine spezifischen Voraussetzungen gebunden. Die soziale Basis kann demnach von der Familie bis zu selbstbestimmten und fluiden Verbindungen reichen. Die Autor*innen Hondrich und Koch-Arzberger theoretisieren solidarisch handelnde Kollektive als einen Zusammenschluss, der sich auf der Basis gemeinsamer Interessen und Ziele konstituiert.26

Die dargelegten Ansätze konzeptualisieren, dass Solidarität durch „helfendes, unterstützendes, kooperatives Handeln“ der Individuen (re-)produziert wird. Solidarisches Handeln kann zwischen den Akteur*innen vielfältiger Kollektive ausgeführt werden, die eine gemeinsame Interessensschnittmenge aufweisen. Somit lässt sich an Klaus P. Hansens Kollektivtheorie und seine Kritik am reduktionistischen Verständnis der sozialen Basis von Kollektivität anschließen. Partielle Gemeinsamkeiten zwischen Individuen stellen die konstitutive Grundbedingung der Kollektivbildung dar, die wiederum zur sozialen Basis solidarischen Handelns wird. Solidarität umschreibt also “den in einem Kollektiv herrschenden Zusammenhalt” der in ein Zusammengehörigkeitsgefühl gründen kann, jedoch nicht an eine soziale Nähe-Beziehung konstitutiv gebunden ist, sondern auch in Interessengemeinschaften und zwischen Akteur*innen in ähnlichen Problemlagen als konkrete Praxis hergestellt werden kann.


Gesundheit im kontext der poliklinik: ein gegenentwurf?

Hinter den Elbbrücken, zwischen Bahngleisen und roten Klinkerbauten

Blick auf die roten Klinkerbauten der ehemaligen Polizeikaserne am Zollhafen auf der Veddel, Hamburg © Fanny Seewald

7 Minuten dauert die S-Bahn-Fahrt vom Hauptbahnhof über die Elbe bis auf die Veddel, einer der traditionellen Arbeiter*innenstadtteile Hamburgs. Direkt hinter den Elbbrücken, zwischen Bahngleisen und Autobahnen, liegt die Veddel, ein dicht bebautes Wohngebiet aus roten Klinkerbauten und ein wachsender Industriestandort. In dem ursprünglichen Hafenarbeiterquartier leben heute etwa 5000 Menschen, die von einer unterversorgten sozialen Infrastruktur betroffen sind.27 Zum Zeitpunkt der Eröffnung der Poliklinik gab es auf der Veddel neben einer Allgemeinmedizinerin keine weitere medizinische Versorgung und keine Apotheke.28


Die Poliklinik veddel:
verhaltens- oder Verhältnisprävention?

Im Innenhof eines Wohnhäuserblocks am Zollhafen auf der Veddel hat die Poliklinik Gruppe im Januar 2017 ein Stadtteilgesundheitszentrum mit einer Allgemeinarztpraxis und einer Sozial- und Gesundheitsberatung eröffnet. Unter dem Dach der Poliklinik sind Gesundheitsakteur*innen mit diversen Spezialisierungen versammelt, die interdisziplinär zusammenarbeiten.


Der zentrale Aspekt des Gesundheitskonzepts der Poliklinik Gruppe ist das Rückführen gesundheitlicher Ungleichheiten auf soziale Determinanten wie Diskriminierungserfahrungen, Arbeitslosigkeit oder Wohnverhältnisse. Gesundheit versteht die Poliklinik somit als soziale Frage.

„Gesundheit verstehen wir nicht als individuell an eine Person gebunden, sondern als etwas, was auch von außen auf die Person einwirkt, also die Verhältnisse, in denen sich eine Person bewegt“29

Blick aus dem Fenster einer Anwohnerin auf das Stadtteilgesundheitszentrum die Poliklinik Veddel
© Fanny Seewald

Darüber hinaus wird das Wissen um die soziale Determinanten nach Aussage der Poliklinik Gruppe als kollektiver Ausgangspunkt für den Entwurf ihrer Gesundheitspraxis verstanden: „(…) es geht darum, in der Arbeit und auch in der Prävention nicht beim Individuum anzusetzen, sondern, dass man auch die gesellschaftlichen Verhältnisse bearbeiten möchte, die die Krankheit mitbedingen und verursachen“30. Neben dem Angebot der primärmedizinischen Gesundheitsberatung, die an den individuellen Problemlagen der Patient*innen ansetzt, organisiert die Poliklinik diverse Präventionsprojekte und kollektive Angebote zur Thematisierung und dem Abbau gesundheitlicher Ungleichheit. Durch den Entwurf ihrer Gesundheitspraxis möchte die Poliklinik der vorherrschenden Subjektivierung der Gesundheitsprävention entgegentreten, die die Verhältnisse, in denen sich Individuen bewegen, ausklammert. Strukturell bedingte gesundheitliche Problemlagen sollen in Gruppenprojekten kollektiviert werden, um anhand einer Aufhebung der individuellen Verantwortungskonstruktion, Gegenstrategien zu entwickeln.31

Gesundheitsprävention heißt für das Kollektiv um die Poliklinik,

„(…) dass es auch nicht immer nur darum geht, einer Person zu sagen: ‘Du musst aufhören zu rauchen’, oder: ‘Du musst aufhören zu trinken, Du musst mehr Sport machen’, sondern, dass man mit den Personen versucht zu gucken: Was sind eigentlich Faktoren, die von außen auf dich einwirken und welche davon machen dich krank?“ 32

Deswegen besteht der politische Anspruch, Betroffene zusammenzuschließen und

(…) nicht nur beim individuellen Verhalten anzusetzen, sondern auch immer wieder Prozesse von Solidarität und Kollektivität anzuschieben.33

Mit der theoretischen Perspektive Foucaults auf Wissen lässt sich das gesellschaftliche Feld der Gesundheitsprävention als ein machtvolles erklären, innerhalb dessen sich ein dominanter Diskurs herausbildet, der das Wissen für diesen gesellschaftlichen Teilbereich strukturiert. Wie dargelegt, findet das Gesundheitskonzepts der Poliklinik seine Ausgangslage in der Abgrenzung und Kritik zum vorherrschenden Präventionsdiskurs, der das Wissen um eine individuelle gesundheitliche Verantwortung fokussiert und die damit assoziierten Praktiken bedingt. Das Gesundheitskonzept der Poliklinik könnte unter dieser Perspektive als Versuch eines Gegenentwurfs zum dominanten Diskurs der Gesundheitsprävention verstanden werden.


Zugang ins forschungsfeld

Da die Poliklinik sich in unmittelbarer Nähe zu meinem Wohnort befindet, bin ich 2017 auf das neueröffnete Gesundheitszentrum aufmerksam geworden. Die von unserer Dozentin im Rahmen des Seminars „Gesundheitsstadt Hamburg“ initiierte Kooperation mit der Poliklinik und die sich anschließende Möglichkeit der Mitarbeit an verschiedenen Projekten ermöglichte mir einen offenen Zugang ins Feld. Im Laufe der Partizipation entwickelte ich ein zunehmendes Interesse für das Gruppenprojekt um die soziale Determinante der Wohnverhältnisse, die für viele der Anwohner*innen auf der Veddel ein Problem darstellt. Die Teilnahme an den von der Poliklinik organisierten Mieter*innenversammlungen bot eine gute Gelegenheit meinem Forschungsinteresse nachzugehen.

Der methodische Zugang zu meiner Forschung ist über leitfadenorientierte Interviews mit den Akteur*innen der Poliklinik34 sowie über teilnehmende Beobachtung während den Versammlungen sowie deren Vor- und Nachbereitungen im Zeitraum von Juni bis November 2018 erfolgt.

Sticker der Poliklinik zu den sozialen Determinanten von Gesundheit
Sticker: © Poliklinik Veddel
Bildquelle: © Fanny Seewald


der entwurf kollektivierter und solidarischer gesundheitspraxis

Orientierung und Ausgangspunkt für den Entwurf der Gesundheitspraxis der Poliklinik ist das geteilte Wissen um die gesellschaftlich bestimmte gesundheitliche Ungleichheit sowie der Anspruch die sozialen Faktoren durch Verhältnisprävention zu bearbeiten. Doch wie setzt die Poliklinik Gruppe den Ansatz der Verhältnisprävention in Abgrenzung zur individuumszentrierten Verhaltensprävention in dem Entwurf konkreter Gesundheitspraxis um?


Die Schimmel AG und die Organisation der Veddeler Mieter*innenversammlungen

Eine Antwort auf diese Herausforderung ist der Ansatz der „Kollektivierung der gesundheitlichen Problemlagen im Stadtteil35 in Form verschiedener Gruppen- und Präventionsprojekte. Dabei soll der theoretische Ansatz der sozialen Determinanten mit den Betroffenen in eine Gesundheitspraxis übertragen werden.36 Schimmelbefall und mangelnde Wohnverhältnisse sind Beispiele für die „gesundheitlichen Problemlagen“ der Anwohner*innen der Veddel.

Meine Interviewpartnerinnen berichten, dass die Idee und der Handlungsbedarf einer „Schimmel AG“ aus der Allgemeinarztpraxis an die Gruppe herangetragen wurde, nachdem viele Patient*innen aus dem Stadtteil mitteilten Probleme mit Schimmelbefall in ihren Wohnungen zu haben.37 Um die betroffenen Mieter*innen zusammenzuschließen und kollektive Gegenstrategien zu entwickelt, hat die AG die Idee eines präventiven Gruppenprojekts entworfen. Seit Juli 2018 organisiert die Schimmel AG regelmäßige Mieter*innenversammlungen für eine Anwohner*innengruppe auf der Veddel, deren Häuserblock von Sanierungsarbeiten betroffenen ist. Die Schimmel AG versucht, die von der Poliklinik als Betroffene kategorisierten Personen, durch direkte Ansprache oder Informationsmaterial auf das Projekt hinzuweisen.

Eine Mitorganisatorin der Mieter*innenversammlungen erklärt, dass das Ziel der Treffen sei,

„(…) die sozialen Determinante Wohnen und Wohnsituation zu behandeln und irgendwie zu versuchen, die beschissene Wohnsituation der Mieterinnen und Mieter zu thematisieren und zu erklären: Was sind überhaupt eure Rechte, was könnt ihr der SAGA38 entgegenbringen? Und dass man auch ein bisschen handlungsmächtiger wird“.39


Sticker der Poliklinik zu den sozialen Determinanten von Gesundheit
Sticker: © Poliklinik Veddel
Bildquelle: © Fanny Seewald

Im Abstand von 3-4 Wochen findet sich eine wechselnde Gruppe aus 10-20 betroffenen Mieter*innen zu den Versammlungen in der Poliklinik zusammen. Die Treffen bieten Raum zum gegenseitigen Austausch und zur Informationsweitergabe über die geplanten Sanierungsarbeiten. Darüber hinaus entwickelt die Gruppe gemeinsam mit den AG-Mitgliedern der Poliklinik Strategien, um die gegenwärtigen Wohnverhältnisse der Mieter*innen zu verbessern und gegen eine unrechtmäßige Mietkostenerhöhung, in Folge der aktuell anstehenden Sanierung durch das Wohnungsunternehmen, vorzugehen.40

Anlässlich der bevorstehenden Sanierung stellte eine Mieterin beispielsweise die Idee eines Gutachtens zur Mängelaufnahme vor Beginn der Baumaßnahmen vor. Dieses könne als spätere Argumentationshilfe genutzt werden, um einen unrechtmäßigen Anstieg des Mietpreises auszuschließen. Der Vorschlag führte dazu, dass ein Teil der Versammlungsteilnehmer*innen ein Gutachten in ihren Wohnungen durchführen ließ, andere Mieter*innen konnten sich dieses Vorhaben hingegen nicht leisten.41




Ausgehend von den erstellten Gutachten wurde im weiteren Verlauf ein Leitfaden erstellt, der nach Angabe meiner Interviewpartnerin erklärt, wie der Ist-Zustand der Wohnungen dokumentiert werden soll, wenn es später um die Frage der Instandsetzung geht. Mit diesem Flyer sollen die Anwohner*innen, die aus finanziellen oder anderen Gründen kein professionelles Gutachten einholen konnten, angeleitet werden, ein Gutachten selbstständig, oder nach Bedarf mit Unterstützung anderer Mieter*innen, durchzuführen.42


Kollektivierung gesundheitlicher Problemlagen

Durch die Herausbildung eines kollektiven Problembewusstseins verfolgt die Poliklinik gemeinsam mit den Anwohner*innen Gegenstrategien zu ihren gesundheitlichen Belastungen zu entwickeln. Der Zusammenschluss der Betroffenen soll den strukturellen Hintergrund der individuellen Situation offenlegen und die Wahrnehmung der vereinzelten Belastung und Eigenverantwortung ablösen. Das gemeinsame Bewusstsein und Agieren ist nach Perspektive der Poliklinik Gruppe die Basis für das Erlangen von Handlungsmacht.43

„Nur weil viele Menschen von den gleichen Problemen betroffen sind, heißt das nicht automatisch, dass ein gemeinsames Bewusstsein besteht; vielmehr können alle das Gefühl haben, allein mit diesem Problem konfrontiert zu sein und individuell eine Lösung finden zu müssen“44

Zuerst ein Schimmelspray anwenden und dann Überstreichen, das sei ein gängiger Umgang der Mieter*innen und Ratschlag der SAGA Wohnungsunternehmen bei Schimmelbefall. Auf den Versammlungen berichten Anwohner*innen zudem davon, dass die SAGA den Schimmel häufig mit dem Verweis auf ein falsches Lüftverhalten der Mieter*innen erklärt.45 In dem gegenwärtigen Wohnungszustand und der Verantwortungsverschiebung auf die Bewohner*innen erkennt die Schimmel AG eine Problematik, der sie durch einen Zusammenschluss der Mieter*innen und einer Kollektivierung der Problemlage entgegenwirken möchte. Eine Veränderung der Situation, so ein AG-Mitglied, könne nur gemeinsam in einem Kollektiv erzielt werden, da eine Einzelperson oder eine Familie mit ihren Problemen vor der SAGA anders dastehe, als eine Gruppe aus zusammengeschlossenen Mieter*innen.46 Durch den gegenseitigen Erfahrungsaustausch der Mieter*innen im Rahmen der Versammlungen kann ein Bewusstsein für eine geteilte Belastung und ein Interesse des gemeinsamen Gegenwirkens entstehen.

Die Schimmel AG konzeptualisiert den Zusammenschluss der Mieter*innen, basierend auf ihrem kollektivierten Problembewusstsein, als konstitutive Grundbedingung für die Herausbildung einer Gegenstrategie. Mit der dargelegten theoretischen Perspektive auf Kollektivität und Solidarität kann die Mieter*innenversammlung als Kollektivierung verschiedener Akteur*innen auf der Basis ihrer partiellen Überschneidung, der geteilten Belastung durch ihre Wohnverhältnisse und die bevorstehenden Sanierungsarbeiten, verstanden werden. Der Zusammenschluss der Anwohner*innen bildet die soziale Basis für unterstützendes und solidarisches Handeln, das die Kollektivität der Gruppe im interaktiven Austausch zwischen den Individuen wiederum (re-)produziert.


Solidarität und Zusammenhalt konstituieren sich zwischen den Mieter*innen durch unterstützendes Handeln, gemeinsame Strategieentwicklung und ressourcenteilende Praktiken, beispielsweise in der Form der Erstellung und Nutzung des Dokumentationsleitfadens.

Durch den Leitfaden kollektivieren diejenigen Mieter*innen, die das Gutachten selbst durchführen lassen haben, das erhobene Wissen mit ihrem Interessenskollektiv. Das geteilte Wissen kann somit eine gemeinsame Argumentationsgrundlage schaffen.

Jetzt muss nicht jeder Einzelne ein Gutachten erstellen lassen, sondern man schafft zusammen möglicherweise einen Leitfaden und Handwerkszeug, wodurch ganz viele dokumentieren können. Das haben sich vier Leute ausgedacht, haben da Energie reingegeben, um das dann irgendwie 100 Leuten zugänglich zu machen47

Anzumerken ist, dass die in den Versammlungen organisierte Gruppe nur einen Teil der betroffenen Mieter*innen widerspiegelt und viele Anwohner*innen aufgrund von Faktoren wie Sprach- und Zeitbarrieren oder fehlender Information nicht teilnehmen konnten. Der Anspruch, der gesundheitlichen Ungleichheit durch die Kollektivierung der Problemlage der betroffenen Stadtteilbewohner*innen entgegenzuwirken, ist somit in diesem Fall noch nicht abgeschlossen. Die Mitglieder der Schimmel AG wollen die Informationsverbreitung und Ausweitung des Akteur*innenkreises solidarischen Handelns durch Türgespräche mit den Mieter*innen und weitere Vernetzungsarbeit vorantreiben.

Es lässt sich festhalten, dass durch den, von der Poliklinik Gruppe organisierten, Zusammenschluss der Mieter*innen die Kollektivierung eines gemeinsamen Problembewusstseins angestoßen wurde. Die Wohnverhältnisse als geteilter Bezugspunkt fungieren als konstituierender Faktor für den Kollektivierungsprozess zwischen den Anwohner*innen und bildet die Grundlage für solidarischen Zusammenhalt zwischen den Individuen.


Die Mieter*innenversammlungen als ein Entwurf solidarischer gesundheitspraxis?

„Das war für ziemlich viele Menschen eine neue Erfahrung, zu sagen: ‘Wir sind hier gerade vom Gleichen betroffen, wir tun jetzt was zusammen dagegen.’ Oder, wenn es welche sind, die finanziell bessergestellt sind, nehmen die sich halt zusammen einen Anwalt oder vielleicht auch einzeln (…). Es ist grundsätzlich ja nicht common, dass man sich zusammentut, wenn man ein Problem hat (…), dass man daraus aber auch ‘ne Handlungsmacht entwickeln kann. Ich glaub’ diese Erfahrung muss man erstmal lernen.“48

Die Präsenz subjektivierter Gesundheitspraxis zeigt sich in dem Interessenskollektiv der Schimmel AG demnach in den Vorerfahrungen der Mieter*innen hinsichtlich der Verhandlung ihrer gesundheitlichen Belastungen, die ihnen als vereinzelte Problemlage erscheint. Entindividualisiertes Gesundheitsverhalten ist, aufgrund der Dominanz des individuumszentrierten Präventionsgedankens und der Betonung der Eigenverantwortlichkeit, nicht Teil des Repertoires ihrer Gesundheitspraxis.

In der Zusammenführung der betroffenen Mieter*innen und der Schaffung eines geteilten Bewusstseins sieht die Poliklinik Gruppe die Chance, die sozial bestimmte gesundheitliche Ungleichheit aufzudecken und ihren Strukturen entgegenzuwirken. Die Kollektivierung unterstützender Ressourcen zur Bearbeitung der gesundheitlichen Problemlage zwischen den Mieter*innen kann somit als solidarische Gesundheitspraxis verstanden werden.

Das Konzept und die Idee kollektiven und solidarischen Handelns gewinnt im Zuge gesellschaftlicher Entwicklungen an Variabilität hinsichtlich der konstituierenden Bezugsgruppe. Solidarischer Austausch ist nicht an soziale Nähe oder ein tradiertes Zusammengehörigkeitsgefühl gebunden, sondern kann durch die Interaktion zwischen Individuen diverser geteilter Umstände entstehen. Vor dem Hintergrund der vorherrschenden Vereinzelung gesundheitlicher Problemlagen, kann die Flexibilisierung der sozialen Bindungen solidarischen Handelns als Möglichkeit verstanden werden, Handlungsmacht gegen Strukturen zu entwickeln, die die Individuen kollektiv determinieren, aber vereinzelt zurücklassen.


Quellenverzeichnis